{"id":185,"date":"2013-05-27T15:10:16","date_gmt":"2013-05-27T13:10:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.wienefoet.de\/sw\/?p=185"},"modified":"2023-03-21T20:08:20","modified_gmt":"2023-03-21T19:08:20","slug":"sehenswertes","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.wienefoet.de\/sw\/2013\/05\/27\/sehenswertes\/","title":{"rendered":"Sehenswertes"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Cuxhavener Kunstverein<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">12. April -17.Mai 2013<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-columns is-layout-flex wp-container-core-columns-is-layout-8f761849 wp-block-columns-is-layout-flex\">\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Kennen sie das? Sobald die ersten Sonnenstrahlen im Fr\u00fchling alles in freundliches helles Licht tauchen, meint man den Bl\u00fctenduft zu riechen und die Nase schnuppert sich weg vom fauligem hin zum frischen Gr\u00fcn, dazu: Vogelgezwitscher am Morgen. Unser H\u00f6r- und unser Geruchssinn scheinen zu erwachen. Wir brauchen sie f\u00fcr die Arbeit &#8222;Sehenswertes&#8220; von Silvia Wienefoet.<br>Seit Neuestem wehen f\u00fcnf schwarzblaugelbe Flaggen \u00fcber Cuxhaven.<br>Flaggen signalisieren schon von weitem Hoheitsrechte, die Zugeh\u00f6rigkeit oder die Vertretung von Gemeinschaften oder sie sind Warnsignale. Warnt die Elbe 1 mit der neuen Fahne wie ehedem als schwimmender Leuchtturm vor Gefahren? Vor welchen? Als Au\u00dfenstehender fragt man sich: Was wird hier markiert? Was ist an den f\u00fcnf Orten, an denen die Flaggen in Cuxhaven stehen, so bedeutsam?<br>Wir sehen auf dem flatternden Stoff im Wind eine abstrakte zweidimensionale Anordnung von Punkten. Wir k\u00f6nnen beginnen diese Flagge mit den anderen zu vergleichen: Hier auf der Flagge auf dem Schiff stehen viel mehr Punkte darauf als auf der, dort an der Bucht&#8220;. Warum?<br>Bald ist klar, es geht nicht nur um das entstandene Muster, weder um Morsezeichen, noch wurde etwas gez\u00e4hlt: es handelt sich um die Brailleschrift. Silvia Wienefoet nutzt die Flaggen also im ganz urspr\u00fcnglichen Sinne: Sie dienen zur visuellen Uebertragung von Informationen \u00fcber eine gr\u00f6ssere Distanz. &#8222;Gut, das verstehen wir, das k\u00f6nnen also Blinde lesen!&#8220; K\u00f6nnen sie es? Weit gefehlt! Nein, auch sie k\u00f6nnen den Code, weil nur sichtbar, aber nicht f\u00fchlbar, nicht entschl\u00fcsseln. Sowohl der Projekttitel &#8222;Sehenswertes&#8220; als auch die Flaggen f\u00fchren den &#8218;Verweis auf Etwas&#8216;, das &#8222;Zeichen f\u00fcr&#8220; ad absurdum.<br>Wir suchen also weiter: Auf dem roten Turm, im Schaukasten oder auf der Sitzbank: In unmittelbarer N\u00e4he des Flaggenstandortes befindet sich ein Text &#8211; das R\u00e4tsel scheint sich dort zu l\u00fcften! Doch der vermeintliche Infotext stellt sich als Collage von Buchstabens\u00e4tzen und Brailleschriftpunkten heraus. Wieder bleibt uns das schnelle Verst\u00e4ndnis des ganzen Textes verwehrt. Aber wir erkennen etwa in dem Satz &#8222;Die Welle der Maschine ist riesig, ich habe sie anfassen d\u00fcrfen&#8220; \u2013 jemand war hier, hat \u00fcber sich und diesen Ort gesprochen und Teile davon bekommen wir hier offenbart.<br>Das R\u00e4tsel um die Codes l\u00fcftet sich erst im Kunstverein: Silvia Wienefoet hatte Mitspieler: Petra, Johannes, Magnus, Lara und Christian waren die unsichtbaren Protagonisten von Sehenswertes, deren Namen mit Altersangabe nun in der Stadt auf den Fahnen &#8211; f\u00fcr niemanden entschl\u00fcsselbar, der es nicht weiss &#8211; als Punktebild prangen und nachts durch die nachtleuchtende Folienschrift leuchten.<br>Sie haben ihre Erlebnisse mit und Empfindungen zu den Orten formuliert, Empfindungen, die wir mit unseren Erfahrungen an den Orten vergleichen k\u00f6nnen.<br>Warum k\u00f6nnte das interessant sein? Unsere Empfindungen sind subjektiv. Jeder Mensch hat seine eigene Kombination von Sinnesrezeptoren und nimmt die Welt anders wahr. Ein Ger\u00e4usch kann von einem Menschen als Bel\u00e4stigung wahrgenommen werden, w\u00e4hrend es ein anderer als nicht st\u00f6rend empfindet. Geschm\u00e4cker sind verschieden und Ger\u00fcche werden anders wahrgenommen, weil jeder eine andere Kombination von Genen hat, die in der Nase f\u00fcr das Riechen zust\u00e4ndig sind. Man weiss nicht, wie andere wahrnehmen und so gehen wir auch in der Bewertung von Welt immer von unserer pers\u00f6nlichen Wahrnehmung aus, sie ist unsere Wahrheit. Wahrheit setzt umgekehrt immer Wahrnehmung voraus. Es gibt sie nicht ohne den wahrnehmenden Menschen, ohne menschliche T\u00e4tigkeit, ohne Anstrengung.<br>Um den Wahrnehmungen der Protagonisten in G\u00e4nze zu folgen legen wir Wege zur\u00fcck, Wege zwischen den Flaggen, ein Hin und Her zwischen den Orten: Kunstverein, Bucht, Kunstverein, Watt. Wir werden durch ihre aufnotierten Zitate neugierig gemacht auf eigentlich Altbekanntes, an Orten, wo wir schon lang nichts mehr Neues zu sehen glaubten. Hier wie dort, in einer spielerischen Bewegung sind wir auf der Spur, werden von Silvia Wienefoet zu einem R\u00e4tselgang verf\u00fchrt, wo sich die Textbausteine sukzessive erg\u00e4nzen, wo wir aber immer ein St\u00fcck unbefriedigt bleiben. Nur um das Zusammenf\u00fcgen der Texte zu fremden Geschichten kann es also nicht gehen. Der Text vor Ort ist nur Anlass, denn der Betrachter ist mit dem f\u00fcr ihn nicht chiffrierbaren Hinweis mit seiner Wahrnehmung des Ortes allein, so allein, wie man immer mit seiner Wahrnehmung ist, ohne es sich bewusst zu sein. Silvia verf\u00fchrt uns, unsere Welt des Sehens, in der wir so sehr leben, auszubauen, Ger\u00fcche, die einen grossen Erinnerungsspeicher darstellen, z.B. bewusst zu schnuppern. Wir k\u00f6nnen nun der Aufforderung der Arbeit folgen und an Orten des Sehens nun riechen oder an Orten des H\u00f6rens nun tasten oder stolpern. Man kann sich aber auch weiter fragen: Was w\u00e4re mein Ort der Wahl gewesen in Cuxhaven? Was w\u00e4re mir dort wichtig zu sagen? Wahrnehmung ist wesentlich ein Prozess der Identit\u00e4tsbildung im Erkennen von Welt. Ich identifiziere das, was ich wahrnehme mit dem, was ich kenne und f\u00fcr wahr halte und es entsteht mein ganz pers\u00f6nlicher Film vom Leben. So k\u00f6nnen wir an den von Silvia errichteten Stationen innehalten und das &#8222;Sehenswerte&#8220; daraufhin pr\u00fcfen, ob es sich von der Floskel im Reiseprospekt f\u00fcr jeden einzelnen von uns in etwas aktuell f\u00fcr uns Wertes, nennen wir es \u201aErkenntnis&#8216; verwandelt.<br>Silvia ist f\u00fcr ihre Arbeit tief in die Erlebniswelt von Menschen, die aufgrund einer Sehschw\u00e4che andere Sinne verst\u00e4rkt nutzen, eingetreten, hat Kontakt zu Blindenvereinigungen, und Privatpersonen aufgenommen. Sie hat viele bewegende Geschichten geh\u00f6rt und: sie nicht ver\u00f6ffentlicht! Ihre Haltung, die in der Kunst deutlich wird, bedient in einer Zeit wo Intimstes \u00fcber die Fernsehkan\u00e4le in alle Welt geblasen wird, nicht unsere Sensationslust sie bedient auch nicht unser Mitleid. Denn es geht um Kunst, nicht um Verst\u00e4ndnis oder Seelsorge oder Einzelschicksale, sondern um Bilder: Bilder aus Sprache f\u00fcr die Stadt Cuxhaven, Erinnerungsbilder, die im Kopf entstehen, wenn wir die Augen schliessen oder eine kurze Notiz lesen.<br>Silvia Wienefoet selbst vergleicht ihre Einschreibungen in den \u00f6ffentlichen Raum gerne mit Twitter, eine digitale Echtzeit-Anwendung zur Verbreitung von telegrammartigen Kurznachrichten im Internet. Auch bei Sehenswertes begegnen wir Zeichen im \u00f6ffentlichen Raum, die nicht f\u00fcr die Ewigkeit gemacht sind, die sich an alle richten, die vorbeispazieren.<br>Ihr Werkzeug und ihr Material ist die Sprache, ihre Methode war die Begegnung und Kommunikation.<br>Ihre F\u00e4higkeit der sympathischen Anteilnehmens, des empathischen Zuh\u00f6rens und der schnellen frischen Gedankenspr\u00fcnge hat sie bei Sehenswertes mit eingebracht.<br>Sie konnte eine Vertrauensbasis herstellen, die eine Ann\u00e4herung an das Fremde, und seien es nur differente Wahrnehmungsintensit\u00e4ten, braucht.<br>Aus pers\u00f6nlichen Geschichten hat sie mit einem Schuss Absurdit\u00e4t und Humor jetzt eine Stadt greifende Installation mit zarten und bewegten Markierungen in \u00f6ffentlichen Raum geschaffen, in der sich die Leitidee des Jahreskonzeptes &#8222;34 Knoten&#8220;: &#8222;Der Kunstverein geht in die Stadt!&#8220; realisiert.<\/p>\n<\/div>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-column is-layout-flow wp-block-column-is-layout-flow\">\n<figure class=\"wp-block-gallery columns-1 wp-block-gallery-1 is-layout-flex wp-block-gallery-is-layout-flex\"><ul class=\"blocks-gallery-grid\"><li class=\"blocks-gallery-item\"><figure><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"456\" height=\"456\" src=\"https:\/\/www.wienefoet.de\/sw\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Sehenswertes_Agnoli_web_DSC_0314.jpg\" alt=\"\" data-id=\"186\" data-full-url=\"https:\/\/www.wienefoet.de\/sw\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Sehenswertes_Agnoli_web_DSC_0314.jpg\" data-link=\"https:\/\/www.wienefoet.de\/sw\/?attachment_id=186\" class=\"wp-image-186\" srcset=\"https:\/\/www.wienefoet.de\/sw\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Sehenswertes_Agnoli_web_DSC_0314.jpg 456w, https:\/\/www.wienefoet.de\/sw\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Sehenswertes_Agnoli_web_DSC_0314-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.wienefoet.de\/sw\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Sehenswertes_Agnoli_web_DSC_0314-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 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wp-block-paragraph\"><strong><em>Christine Biehler<br><\/em><\/strong><em>Er\u00f6ffnungsrede am 12.4.2013,<br>Silvia Wienefoet &#8222;Sehenswertes&#8220;,<br>Cuxhavener Kunstverein<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Cuxhavener Kunstverein 12. 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