Archiv der Kategorie: Graphisches Log

Erzähle mir von deinem Reichtum

Graphisches Log München

2010

„Erzähle mir von deinem Reichtum“ befragt BewohnerInnen des Stadtteils Glockenbach/München zu ihrem Begriff von „Reichtum“ und zu ihrem „reich sein“. Schilder mit goldenen Streifen weisen auf einer Weggabelung für Fußgänger und Radfahrer entweder den Weg nach links oder rechts.
Auf den Schildern sind Ausschnitte aus den Gesprächen zu lesen. Die Texte werden täglich mittels Folienschnitten in das graphische Log „geschrieben“.
Die ersten Einträge sind in transparenter Folie, die kommende Schicht in hellgrau und die letzte Schicht in schwarzer Folie. Nach und nach tritt das goldene Straßenschild in den Hintergrund und die Aussagen der Stadtteilbewohner in den Vordergrund. Durch die Prozessualität fügt sich das Log langsam in seine konkrete Umgebung ein. Der Zeitraum des graphischen Logs umfasst mehrere Wochen.
Luxus ist elitär, das Wesen des Luxus ist es, auf wenige beschränkt zu sein. Eine Eigenart und Notwendigkeit zugleich. Demokratie hingegen geht vom Volk aus, sie braucht breite gesellschaftliche Unterstützung, um zu funktionieren. Demokratie hat nicht mit Vereinheitlichung, sondern mit Vielfalt zu tun.
Luxus und öffentlicher Raum – wie beeinflusst Luxus den öffentlichen Raum, hat der Luxus einzelner Personen Veränderungen im öffentlichen Raum zur Folge? Wie denken die BewohnerInnen einer Stadt, eines Stadtteils darüber? Wer fragt sie? Wo können sie ihre Meinung äußern? Wird die Veränderung des öffentlichen Raums bemerkt?

Erzähle mir von deinem Reichtum!

Ich habe sehr viel Zeit.

Graphisches Log im öffentlichen Raum. Schöppingen, Westf.

2007

“Schöppingen. Passanten auf dem Weg zum Einkauf oder bei einem gemütlichen Spaziergang können am kleinen Trafoturm gegenüber dem Künstlerdorf Schöppingen seit Kurzem ein Kunstprojekt verfolgen. Silvia Wienefoet, seit einiger Zeit Stipendiatin im Künstlerdorf, hat die schmale und hohe Straßenfassade des ehemaligen Stromhäuschens in eine Art Arbeitstagebuch verwandelt. Auf der Turmwand tauchen in regelmäßigen Abständen Text-Ausschnitte einer Recherche im Internet auf, das Thema ist „Warten“. Die Wand erinnert an ein überdimensionales Blatt Papier oder auch an eine gerade geöffnete Bildschirmseite aus dem Computer. Die jeweils neuesten Beiträge stehen gut sichtbar in der obersten Ebene, die Beiträge der vorhergehenden Tage verblassen allmählich durch die immer neuen übermalungen. So lässt die Künstlerin eine Art Arbeitstagebuch grafischer Art im öffentlichen Raum entstehen, für jeden sichtbar. Damit erinnert das Projekt auch an die Form eines sogenannten Blogs, jene digitalen Journale im Internet, die seit einiger Zeit zu einer sehr beliebten Form der öffentlichen Kommunikation geworden sind.” Allerdings sind die Textfragmente auf dem Turm in Schöppingen Teil einer realen, alltäglichen öffentlichkeit – nicht einer digitalen Welt. Die Buchstaben der Schriften bestehen aus tatsächlichen Farben in verschiedenen Pigmentdichten und unterschiedlichen Größen auf einem fassbaren Hintergrund. Gleichzeitig ist das Kunstprojekt von Silvia Wienefoet in Laufzeit und Dauer von den Bedingungen des realen Materials der Farben abhängig: Der erste Textbeitrag ist in dichtem Schwarz aufgetragen worden, jeder folgende Eintrag ist dann eine Nuance heller. Die Arbeit ist schließlich beendet, wenn Weiß auf Weiß steht.
Heinz Kock, Stiftung Künstlerdorf Schöppingen erschienen in: Westfälische Nachrichten 22.08.2007

GRAPHISCHE LOGS

Analoges Publikmachen in der Urform
Wenn man früher seine Meinung öffentlich kund tun wollte, hat man das Gespräch gesucht, Leserbriefe geschrieben und größer aufgezogen, Plakate oder sogar Flugblätter gedruckt. Wollte man seine ureigensten, persönlichen Gedanken zu einem bestimmten Thema oder einfach nur zum Leben selbst festhalten, hat man Tagebuch geführt. Dieses wurde sorgsam vor den Augen anderer geschützt und aufbewahrt. Es wäre undenkbar gewesen, dass jemand anderes die eigenen Einträge liest.

Digitale Veräußerung der persönlichen Sicht
Heute werden im Internet Blogs mit dem Ziel verfasst, dass möglichst viele Menschen die eigene persönlich gefärbte Sicht auf Welt mitverfolgen. Das Sichmitteilen in der digitalen öffentlichkeit ist das Ziel. Die Beiträge werden automatisch digital archiviert. Dass scheinbar nebenbei aufgrund der Veräußerung der persönlichen Meinung ein Profil des Bloggers entsteht, scheint nebensächlich.

Analoge öffentlichkeit
Das graphische Log ist ein öffentlich geführtes Arbeitstagebuch, es bedient sich scheinbar der Mittel des Weblogs. Die neuesten Beiträge stehen immer oben und der Untergrund erinnert an eine geöffnete Seite am Bildschirm. Auch der Inhalt gibt eine persönliche Sicht auf eine ausgewählte Thematik wider. Die Inhalte werden nicht so intim gehalten wie das frühe Tagebuch, doch sind die Adressaten alles andere als digital. Ist der digitale Raum scheinbar unendlich und der Adressatenkreis nahezu unbegrenzt, ist die Leserschaft des graphischen Logs topographisch begrenzt. Die Menschen im unmittelbaren Umkreis des Logs sind die ausgewählten Leser. Werden dem graphischen Log ebenso tagtäglich über einen bestimmten Zeitraum immer wieder Notizen hinzugefügt, erscheinen diese jedoch mit realen Pigmentfarben auf einer realen Wandfläche. Die Beiträge sind nur zu lesen, indem man sich im realen Ort-Zeit-Gefüge zu dem Log hinbegibt. Und das ist aus lebenspraktischen Gründen nur einer im Vergleich zum WorldWideWeb kleinen Personengruppe möglich. Das graphische Log braucht somit eine Schnittmenge mit den ihn direkt umgebenden Menschen, um relevant zu sein.